Landesberufsschule Pinkafeld

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Gelebte Integration

–gelebte Schule–gelebte Humanität

Bericht von Mag. Peter Baumann, Religionslehrer, LBS Pinkafeld

Schon immer gab es an der Landesberufsschule Pinkafeld durch Zuwanderung aus den benachbarten Ländern Klassen mit unterschiedlichen Nationalitäten, Kulturen und Religionen. Seit einiger Zeit wurde diese Vielfalt an SchülerInnen durch jene neu bereichert, die in den letzten Jahren als Flüchtlinge aus dem Nahen Osten nach Österreich gekommen sind. Einer davon heißt Morteza, ist 19 Jahre alt und stammt aus Afghanistan. Er besucht gerade unsere Schule im Rahmen seiner Ausbildung als Tischler-Lehrling und erzählte vor kurzem vor seinen Klassenkollegen über seine Heimat, seine Flucht und sein Leben hier im Burgenland.


Das Land
Afghanistan hat fast 30 Millionen Einwohner und ist ca. acht Mal so groß wie Österreich. Seit 40 Jahren befindet sich dieser islamisch geprägte Staat bis zum heutigen Tag im Krieg. 8000 amerikanische Soldaten befinden sich seiner Information nach noch immer als militärische Besatzung im Land. Dabei spielt die Sicherung um das schwarze Gold, Erdöl und die Kontrolle über den Zugang sowie die Pipelines, eine wesentliche Rolle. Das Kämpfen findet an vielen unterschiedlichen Fronten statt: Staatsarmee, Terrorregime wie die der Taliban und ausländische Söldnergruppen haben das Land in Chaos und Blut getaucht und die Infrastruktur zu 80% vernichtet. Das unbeschreibliche Leid und die Zahl der Toten nehmen kein Ende. Die Härte der Auseinandersetzungen trifft zumeist Unschuldige: die Zivilbevölkerung. Millionen von Menschen, deren Häuser zerstört sind und ihre Familie nicht mehr ernähren können, sind daher gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Meist suchen sie Schutz und einen Neubeginn in einem der angrenzenden Staaten wie Iran oder Pakhistan, wo sie trotz gleicher Religion und Kultur allerdings in der Regel als Menschen dritter Klasse inhuman behandelt werden.

Kontext zu uns
An dieser Stelle fragen wir in die Klassenrunde, wie lange Österreich zuletzt in Kriegszustand war, wie viele Menschen im zweiten Weltkrieg fliehen und auch sterben mussten. Viele Jahre des Wiederaufbaus waren nötig… die Wunden der Zeitzeugen sind bis heute nicht verheilt… Ein Schüler meint, dass sein Großvater heute noch darüber schweigt und traumatisiert ist…

Mortezas Familie
Mortezas Vater arbeitet als Maurer und muss seine fünfköpfige Familie (Morteza hat zwei Brüder und eine Schwester) mit einem Einkommen von umgerechnet zehn Euro am Tag ernähren. In der Regel zu wenig zum Leben aufgrund der hohen Lebenskosten. Morteza ist schon mit zehn Jahren gezwungen, für die Existenzgrundlage der Familie arbeiten zu gehen. Von regelmäßigem Schulbesuch keine Rede. Er hat keine Wahl, nur eine Option: schwere Kinderarbeit zu verrichten um das Leben der Familie abzusichern.
Da sich die Sicherheitslage drastisch verschlimmert und der Vater wegen eines Arbeitsunfalls und fehlender staatlicher Krankenversicherung sein rechtes Bein nicht mehr benützen kann, muss die Familie fort ziehen. Angesichts schlechter Nachrichten aus den Nachbarländern entscheidet sich die Familie, Morteza in eine neue Zukunft Richtung Europa zu schicken. Als Asylsuchender auf den Weg, um in Österreich Schutz und neue Perspektiven zu finden. Die Familie bleibt zurück…

Mortezas Flucht
Morteza bricht vor Jahren mit seinem besten Freund aus seiner Heimat auf, um nach Wien zu gelangen. Nichts geht ohne bezahltes korruptes Schlepperwesen. So gelangen die beiden jungen Männer im Alter von 15 nach tagelangen Märschen durch Kriegsgebiet und fremde Länder an die östliche Mittelmeerküste. Alles ist fremd, die Sprache, die Kultur – Angst ist ihr ständiger Begleiter: werden sie jemals nach Österreich kommen? Schlepper zwingen über 30 Leute auf ein defektes Boot, das für acht Leute Platzangebot bietet. Die zwei jungen Männer haben keine Wahl, sie müssen auf dem überfüllten Vehikel weiter. Auf hoher See kommt es dann zum tragischen Ereignis. Das Boot droht bei hohem Wellengang zu kentern, Panik bricht aus und einige der Flüchtlinge gehen unfreiwillig von Bord. Sie können nicht schwimmen, darunter auch Mortezas bester Freund. Morteza will helfen und obwohl er selbst nicht schwimmen kann, versucht er verzweifelt seinen Freund zu ergreifen und in das Schiff zu ziehen. Nach vielen Versuchen und dem Schwinden der Kräfte, muss er vor dem schweren Seegang und der Ausweglosigkeit kapitulieren. Sein Freund und andere ertrinken vor seinen Augen. (Morteza versucht weiter zu sprechen, doch er kann nicht und hält inne, sein Blick geht zu Boden… Betroffenheit macht sich unter uns breit, keiner wagt es, etwas zu sagen oder sich zu rühren…) Morteza fragt uns, ob jemand von uns schon einmal seinen besten Freund vor seinen eigenen Augen sterben sah? Seine Stimme wir leiser und verstummt…
Als nur mehr rund die Hälfte der Bootsflüchtenden das sichere Festland Griechenlands erreichen, sind sie vollkommen erschöpft und psychisch schwer angeschlagen, traumatisiert von den Ereignissen im Wasser. Sie wissen nicht, was vor ihnen liegt. Doch Morteza darf jetzt nicht aufgeben, er muss weiter gehen und gehen… Auf der Balkanroute regieren die Schlepper, verlangen nicht nur viel Geld, sondern sind auch äußerst brutal. Morteza wird von der Polizei festgenommen und kommt in ein griechisches Gefängnis. Dort wird ihm auch noch das letzte, was er besitzt, weggenommen. Nach Tagen setzt man ihn frei und winkt ihn Richtung Mazedonien weiter. Von da gelangt er mit fremder Hilfe nach Serbien und nach einem weiteren Gefängnisaufenthalt schließlich über den ungarischen Grenzübergang Nikelsdorf nach Österreich. Im Erstauffanglager Traiskirchen stellt er Antrag auf Asyl.

Sprachkenntnisse und Spracherwerb
Morteza: „Die ersten Monate in Österreich verständigte ich mich hauptsächlich in Englisch. Am meisten Deutsch gelernt habe ich beim Nachholen des Hauptschulabschlusses, weil hier Deutschkurse inkludiert waren. In der Freizeit und beim Umgang mit Freunden habe ich darauf geachtet, dass viel in Deutsch gesprochen worden ist. Auch in der Zeit in der Berufsschule haben sich meine Deutschkenntnisse gut verbessert.“


Vom Asylwerber zum Asylberechtigen

Morteza wohnt zunächst bei seiner Familie in Waidhofen an der Ybbs. Er will sofort Deutsch lernen und auch arbeiten, doch Kurse gibt es offiziell nicht und während des Asylverfahrens ist ihm legal nicht erlaubt einer Beschäftigung nach zu gehen. Er findet Hilfe bei Privatpersonen, die in Eigeninitiative Deutsch-Unterricht für Flüchtlinge organisieren und ihn bei Amtswegen unterstützen. Eine schwere Zeit für Morteza. Hatte er sich doch so viel von Europa erhofft! Doch es gibt in Wahrheit nur wenige freundliche Leute, die bereit sind, zu helfen. Es geht den Menschen hier so gut, sie haben alles und dennoch sind nur so wenige bereit zu helfen – Enttäuschung – doch er gibt nicht auf und sucht Kontakte, lernt sehr rasch Deutsch und bekommt zwei Jahre später die Anerkennung zum Asyl, um hier bleiben und arbeiten zu dürfen. Nach einem Interview, das auf Deutsch geführt wurde, wird Morteza zum Asylberechtigten. D.h. sein Grund zu flüchten und seine Bemühungen hinsichtlich Sprache und Aufenthalt in Österreich wurden offiziell anerkannt. Die Familie kommt nach über vier Jahren ebenso nach Österreich und wohnt nun in Wien. Ein für ihn unbeschreiblicher Moment des Glücks und der Freude! (Wer von uns könnte sich vorstellen, seine Familie über Jahre nicht sehen zu können?!)

Morteza erhält die Möglichkeit, eine Ausbildung als Tischlerlehrling in der Nähe Mattersburgs zu absolvieren. Er ergreift die Chance und schon bald sollte er zum ersten Mal an die Berufsschule nach Pinkafeld kommen… Wichtig ist ihm zu sagen, dass er sehr dankbar ist, hier sein zu dürfen! Dankbar, dass er noch am Leben ist und seine Familie in Sicherheit ist. Dankbar für den Beruf, den er jetzt erlernen darf! Dankbar für Freunde, die er kennengelernt hat und die Menschen, die ihn unterstützen! Dankbar für den Frieden hier in Österreich und die Möglichkeit ein neues Leben beginnen zu dürfen!

Diskussion:

Und wie dankbar sind wir? Alles ist so selbstverständlich! Wissen wir um den Wert unseres Lebens und unserer Möglichkeiten wirklich? In Frieden zu leben ist ein so kostbares Gut! Seine Meinung frei äußern zu können und sich aus- und weiterbilden zu können!
Wie schwer ist es für uns, wenn wir oberflächlich an materiellen Dingen hängen, aber das Leben und den Menschen dabei nicht mehr sehen?

Ein Schüler verweist auf die tollen Handys und die teure Kleidung der Flüchtlinge, denen es ja doch offensichtlich gut gehen muss!?
Doch der Eindruck trügt nach Ansicht Mortezas: Viele Handys sind billige Nachbaumodelle wie auch die Kleidung. Andererseits gibt es auch unter Flüchtlingen welche, die sich mit illegalen Geschäften wie mit Drogenverkauf Geld beschaffen und zu Luxusartikel gelangen. Das hat auch noch andere Hintergründe, seiner Meinung nach: Während des Asylverfahrens sind die Angekommenen zum Nichtstun verurteilt und tun sich sehr schwer in der Sprache, weil sie keine gute Ausbildung mitbringen. Sie sind verzweifelt und gelangen durch Alkohol, Drogen etc. auf eine schiefe korrupte Bahn und werden auch zu Recht eingesperrt oder abgeschoben. Doch das ist sehr beschämend, aber gesetzlich und gesellschaftlich richtig und notwendig, wenn auch es nur für einen sehr geringen Prozentsatz gilt.

In der Diskussion wird bald klar, dass es überall gute und böse Menschen gibt, egal ob im Inland oder aus dem Ausland kommend. Ich verweise dabei auf Papst Franziskus, der vor Infiltration (illegale Einreise von Verbrechern/Terroristen) warnt, zugleich aber um die notwendige Hilfe für eine legale Einreise in ein wohlhabendes Europa voll Überfluss für wirklich Hilfsbedürftige bittet. Hier sind Politik, die EU-Staaten und Kirchen gefragt…

Ein anderer Schüler meinte, dass Österreich nur Kriegsflüchtlingen helfen sollte, da zu viele Wirtschaftsflüchtlinge nach Europa gekommen seien.
Morteza bittet uns, zuerst Informationen einzuholen, was tatsächlich in dem Land geschieht, wo Flüchtlinge herkommen und sie nicht gleich als Wirtschaftsflüchtlinge zu diskriminieren, die keine Berechtigung hätten, hier zu sein. Er selbst sei ein Beispiel dafür, dass zuerst geklärt werden musst, warum jemand wirklich da ist und nicht alle Afghanen automatisch unberechtigt hier seien.

Wie viel Geld ist notwendig, wenn eine Flüchtlingsfamilie eine Wohnung bezieht, um diese menschenwürdig einzurichten? Müssen das wir Steuerzahler leisten?
Die SchülerInnen überlegen und nennen Geldbeträge zwischen € 500,- bis € 3000,-. Tatsache ist aber, dass wir hier in Österreich so viel Überfluss haben, dass sämtliche gebrauchte Einrichtungsgegenstände im Internet gratis zur Abholung angeboten werden. So sind schon viele Wohnungen für Asylberechtigte mit Hilfe von Ehrenamtlichen eingerichtet worden. Zugleich entstehen hier auch persönliche Kontakte, die es erst ein Kennenlernen ermöglichen, Integration im gegenseitigen Respekt zu leben.



Ist es nicht wichtig, dass sich die Flüchtlinge bei uns auch ehrlich anpassen und integrieren?
Ja, das ist es zweifelsohne. Morteza hat wie einige von der Klasse auch an der ökumenischen Wallfahrt nach Frauenkirchen für Lehrlinge teilgenommen. Er wollte etwas über unsere Kultur, unsere Religion und unseren gesellschaftlichen Umgang miteinander erfahren. Dabei hat er sich als Moslem und als Klassenkollege mit Interesse eingebracht. Ich als Religionslehrer an der Schule sehe in ihm ein positives Beispiel an gelebter Integration in gegenseitigem Respekt. Dieser Weg zeigt eine reale Chance für eine friedliche und vielfältige Gesellschaft in der Zukunft Österreichs.

Kennt jemand von den SchülerInnen einen Flüchtling persönlich?
Niemand meldet sich, dabei sind wir schon dabei, Integration in der Klasse mit Morteza zu leben! Es ist offenbar selbstverständlich geworden. Ich ermutige die SchülerInnen, auch weiterhin nach dem Lehrgang an der Berufsschule mit Morteza in Kontakt zu bleiben. Etwas gemeinsam zu erleben: Kino, Fußball, Spiele etc. Wir müssen uns nicht um hunderte fremde Menschen zugleich kümmern, das kann niemand. Aber wir haben die Möglichkeit, durch einen Menschen Ängste und Barrieren zu überwinden. Das wird für die Zukunft notwendig sein, um Parallelgesellschaften mit Potential zur Gewalttätigkeit vorzubeugen. Jugendliche in der Begegnung mit anderen Jugendlichen: Hier an der Schule haben wir durch persönliche Gespräche die Möglichkeit, Integration zu lernen und zu leben - in gegenseitiger Anerkennung - wenn wir selber dazu bereit sind!


Danke Morteza für deine Bereitschaft, über Dich zu erzählen!
Viel Gutes
für Dich und Deine Familie!